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Zen, Zazen
und alle,
die es praktizieren
– eine Webressource von Freunden des Zenmönchs Philippe Coupey

keine vorstellung von sieg oder niederlage

wie im Zazen, so gilt auch in den Kampfkünsten: wenn der Geist festgefahren ist, so ist es auch der Körper

 

François Lang, Zen-Mönch und Meister des 3. Dan im Aikido, praktiziert Aikido seit 27 Jahren und ist seit mehreren Jahren als freier Lehrer tätig. Er lebt in Nantes, Frankreich, wo er das dortige Zen-Dojo leitet, und an der Universität als Dozent und Forscher arbeitet. Er hielt den folgenden Vortrag über Zen und die Kampfkünste im vergangenen Januar im Zen-Dojo Le Havre.


Worin besteht die Beziehung zwischen Zen und den Kampfkünsten?

Der erste Teil der Antwort liegt in den historischen Verknüpfungen zwischen diesen zwei Disziplinen. Die Geschichte hat ihren Anfang in China. Der Gründer des Zen, Bodhidharma, kam um das Jahr 520 u. Z. aus Indien nach China, um das Wesen von Buddhas Lehre zu verbreiten (mit anderen Worten die Praxis der stillen Meditation). Er schuf einen Tempel, der unter denen, die Kampfkünste praktizieren recht bekannt ist: den Shaolin Tempel (Shorinji auf japanisch). Zu jener Zeit waren die Mönche häufig unterwegs und konnten von Räubern überfallen werden. Daher fingen sie an, Kampftechniken zu entwickeln: viele Techniken mit bloßen Händen ähnlich dem Karate, aber auch Kampftechniken mit einem Stock. Die Gesamtheit dieser Techniken wird heute Shorinji Kempo („die Kampfkunst des Shorin-Tempels“) genannt. Shorinji Kempo wird auch heute noch gelehrt und umfasst eine (eher reduzierte) Meditationspraxis vor dem Kampf. In der heutigen Zeit scheinen die Shaolin-Mönche ihre körperlichen Fertigkeiten in den Vordergrund zu setzen und in Shows rund um die Welt vorzuführen.

[Tuschezeichnung des stehenden Bodhidharma mit buschigen Augenbrauen und Bart, wehenden Gewändern und die Hände im Gassho]

Wir können also sagen, dass Bodhidharma, ein Zenmeister, seinen Beitrag zur Entwicklung der Kampfkünste in China geliefert hat, auch wenn sich viele verschiedene Schulen der Kampfkünste später tatsächlich unabhängig von der Zen-Praxis entwickelt haben.

Den zweiten Punkt, der Zen und die Kampfkünste miteinander verknüpft — und der für uns vielleicht der gehaltvollste und interessanteste ist — finden wir in viel späterer Zeit in Japan, nachdem sich Zen dort dank verschiedener Meister entwickelt hat. Für die Praktizierenden des Soto-Zen ist Meister Dogen derjenige, der das echte Zazen eingeführt hat, wie wir es praktizieren und wie ich es Ihnen zeigen werde. Im 13. Jahrhundert brachte Meister Dogen die richtige Praxis des Zen, wie er sie in China erhalten hat, zurück nach Japan, und seine Zen-Lehre verbreitete sich in ganz Japan.

[Gemälde Tokugawa Ieyasus, sitzend, in einem verzierten schwarzen Kimono. 17. Jahrhundert]

Im späten 16. Jahrhundert/frühen 17. Jahrhundert kamen Zen und die Kampfkünste in tiefer Weise erneut miteinander in Berührung. Dies war die Zeit der Samurais. In dieser Ära wurde das Zen sogar als Religion der Samurais angesehen. Es erscheint dennoch kurios, dass die Samurais anfingen, sich wirklich für Zen zu interessieren, als die Kriege in Japan im Grunde schon vorbei waren. In der Tat begann die Entwicklung der Kampftechniken hin zu echten Kampfkünsten in der Ära des Shoguns Tokugawa Ieyasu, der Frieden in die Provinzen brachte und eine zentrale militärische Macht einrichtete. Danach gab es viel weniger Kämpfe zwischen den Samurais. Sie fingen an, die Praxis der Zen-Meditation und die Zen-Philosophie mit den Technik-Übungen zu verbinden, um ihre Tüchtigkeit zu verbessern. Die Kampfpraxis wurde daraufhin ein spiritueller Weg (Do) und nicht bloß eine Sammlung von Techniken (Jutsu). Dies geschah in verschiedenen Kampfdisziplinen, aber die berühmteste, und wie ich denke diejenige mit der stärksten Beziehung zum Zen, ist die Kunst des Schwertkampfs.

[Kopf und Schultern einer Statue von Munenori Yagyu, mit einer schwarzen, aufrecht stehenden Haartracht und einen Stab in den Händen]

Das Beispiel, welches ich am anschaulichsten finde, ist das von Munenori Yagyu, der zu einer Schwertkampfschule gehörte, die von seinem Vater gegründet wurde, die Yagyu Shinkage Ryu, eine Schule, die in Japan sehr berühmt ist. Munenori Yagyu wurde der Schwertkampflehrer für den Shogun Tokugawa Ieyasu.

So ergab es sich, dass Munenori Yagyu einen Freund hatte, Takuan Soho, der ein Zenmönch der Rinzai-Schule war, und Munenori Yagyu baute die Lehre von Takuan in seine Schwertkampf-Praxis ein.

[Zeichnung von Takuan Soho, im Stuhl sitzend und in einem schwarzen Kolomo bekleidet, mit einer verzierten Robe (Kesa?) über der Schulter]

Er schrieb sogar mehrere sehr berühmte Arbeiten über dieses Thema, unter anderem das Heiho Kadensho (Das lebenspendende Schwert), in dem er die Prinzipien des Kampfes lehrt und auch den Zustand des Geistes, der während des Kampfes nötig ist. An dieser Stelle wird es wirklich interessant für uns: Was kann der gemeinsame Boden für die eigentlichen Zen-Praxis und die Kampfkunst sein?

Es ist eine Tatsache, dass die Samurais, rein technisch betrachtet, folgender Frage gegenüberstanden: In welchem Zustand muss sich der Geist während des Kampfes befinden? Welches ist der effektivste Weg, einen Kampf zu gewinnen? Welches ist die beste geistige Haltung, wenn man einem Feind in einer möglicherweise tödlichen Situation gegenübersteht? In so einem Moment ist Technik allein nicht ausreichend. Es stimmt, man kann Stunden um Stunden trainieren, um Kraft, Geschmeidigkeit und Schnelligkeit aufzubauen, aber während des Kampfes ist das Problem, dass jede Situation einzigartig ist und nicht vorhergesehen werden kann. Darin können wir den Unterschied zwischen Sport und der Praxis einer Kampfkunst festmachen. Ziel ist es also, in einen Zustand höchster Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Augenblick zu gelangen, ohne irgendwelche Vorannahmen darüber zu haben, was passieren könnte, einen Zustand, der es einem erlaubt, vollkommen bereit zu sein, und jede Gelegenheit zu nutzen, sowie sie sich bietet. Die Praxis von Zazen ist genau das. Unsere Praxis ist, vollkommen im gegenwärtigen Moment zu sein, ohne irgendwelche Vorstellungen oder Urteile.

Meister Munenori zum Beispiel sagte (und wir können dies auf alle Kampfkünste beziehen), dass man keine Vorstellungen von Sieg oder Niederlage haben soll, wenn der Kampf beginnt. Sowie man im Moment des Angriffs an Sieg denkt, ist es offensichtlich, dass man verliert. Ein grundlegender Punkt in der Kampfkunst jener Zeit war der Ehrencodex der Samurais, der sich sehr nahe zur Zen-Philosophie entwickelte. In diesem Codex stand: um in der Lage zu sein zu leben, muss man zunächst entschlossen sein zu sterben. Dies bedeutet einfach, dass man vollständig in den Angriff gehen muss, wenn der Kampf beginnt; es gibt keinen möglichen Ausweg. Man beginnt, indem man wirklich zum Kern der Sache dringt, und an dieser Stelle kann sich eine Situation entwickeln, in der sich eine Gelegenheit bietet, und man wird als Sieger hervorgehen. Es ist wirklich ein sehr besonderer Geisteszustand, der dazu führt, dass man sich nicht auf Gedanken an Sieg oder an die Verwendung einer bestimmten Technik einlässt.

[In einem Aikido-Dojo: Ein Lehrer in weiten schwarzen Hosen bringt seinen Kampfpartner zu Fall; im Hintergrund weiß gekleidete Schüler, die ihren Gegnern bei der Kampfübung gegenüberstehen]

Dieser Zustand ist ein Zustand, den wir vollständig während Zazen erfahren. Es ist unsere geistige Haltung, sich an nichts anzuhaften, mit anderen Worten, einen Geist zu haben, der im gegenwärtigen Augenblick wachsam ist, ohne irgendwelche vorgefertigten Ideen zu haben. Dies ist, was wir meiner Meinung nach in allen Kampfkünsten finden können. Um in dieser Form üben zu können, versuchen wir im Aikido solche Situationen zu schaffen, in denen man versuchen muss, auf die Situation in dem Moment zu reagieren, in dem sie entsteht, ohne irgendetwas vorbereitet zu haben. Und so ist es natürlich auch der Fall im Karate während Kumites. Im Aikido gibt es keinen Wettstreit, aber man versucht in der freien Übung Momente zu schaffen, in denen sich neue Situationen ergeben. Man versucht genau diese Fähigkeit zu entwickeln, um den Moment noch weiter zu vergegenwärtigen, ohne eine Fixierung des Geistes. Ich denke, dass dies die wesentliche Sache ist — der Aspekt, den Zen und Aikido oder irgendwelche sonstigen Kampfkünste gemeinsam haben.

Offensichtlich gibt es unzählige Parallelen, und die Lehren der Kampfkünste und die Lehren des Zen bereicherten sich zu jener Zeit gegenseitig. Zum Beispiel (und jetzt widmen wir uns einem eher technischen Aspekt) ist es während des Kampfes wichtig, unterschiedliche physische und geistige Haltungen zu haben. Anfangs ist der Körper ruhig während der Geist sehr aktiv ist. Der erste Kontakt ist vor allem ein geistiger Kontakt; die zwei Gegner berühren sich mit ihrem Geist bevor ihre Körper sich bewegen, und von dem Moment an, wenn der Körper sich bewegt, muss der Geist ruhig sein. In den Kampfkünsten dürfen sich Körper und Geist niemals gemeinsam bewegen, damit die Bewegungen vernünftig geordnet erfolgen. Es gibt stets einen Moment, in dem der Geist sich bewegt — mit anderen Worten, wenn er sich gegen den Gegner wendet; dann ist der Körper ruhig. Aber sowie der Körper sich bewegt, muss der Geist ruhig sein.

[Der Verfasser, ein Zen-Mönch, in Zazen sitzend in einem Dojo]

In einem der geheiligten Zen-Texte, dem Hokyozanmai, beschreibt Meister Tozan die Zazenhaltung indem er sagt: „Das Äußere ist ruhig, und das Innere bewegt sich.“ Im Zen betonen wir die Ruhe in der Körperhaltung, folgendermaßen [er nimmt die Zazen-Haltung ein]. Äußerlich hat man den Eindruck, dass nichts geschieht, aber in Wirklichkeit ist innerlich der Geist in Bewegung, und daher ist man also in dem selben geistigen Zustand wie man ihn haben sollte, wenn man angreift. Während Zazen ist unser Geist äußerst aufmerksam, und tatsächlich bewegt er sich ein wenig. Was wir im Zazen lernen, und was meiner Meinung nach vorteilhaft für die Übung in der Kampfkunst sein kann, ist, den Geist sich niemals festfahren zu lassen. Wenn wir im Zazen sind, dann sind wir äußerlich ruhig; eine Flut von Gedanken steigt auf, aber wir verweilen bei keinem Gedanken und bei keiner Sache. In den Kampfkünsten ist dies vergleichbar mit der Unterweisung, nach der man keinen Punkt des Gegners fixieren soll. Wenn man seinen Geist auf den Fuß des Gegners, auf seine Hand oder seine Augen richtet, dann ist man gefangen. Man ist vom Gegner gefangen, der sich tatsächlich unseren Geist gegriffen hat. Man sagt in den Kampfkünsten oft — und manchmal wurde das falsch verstanden — dass man seinem Gegner nicht in die Augen schauen soll, sonst geht man dem Gegner in die Falle. Man muss einen sehr weiten Blick entwickeln und Wachsamkeit ohne irgendeinen Punkt zu fixieren. In den Kampfkünsten muss man in der Lage sein, den Gegner in einer größeren Gesamtheit wahrzunehmen, so dass man sofort reagieren kann, wenn die Bewegung anfängt.

In der Zen-Praxis ist es genau das gleiche: wir lernen, unsere Aufmerksamkeit im gegenwärtigen Augenblick zu entwickeln, ohne irgendeinen Punkt zu fixieren. Für Meister Dogen ist der wahre Geist der Geist, der bei keiner Sache verweilt. Dies ist, was wir durch die Praxis des Zazen erfahren. Wenn man anfängt, Zazen zu praktizieren, stellt man fest, dass es gar nicht so einfach ist, seinen Geist im Fluss zu halten. Äußerlich gesehen tut man nichts mit seinem Körper, also fängt man an zu schauen, was sich innerlich tut, und es stimmt, man gerät sehr schnell in Fixierungen: das Gehirn will an Gedanken, Sinneseindrücken und Gefühlen festhalten. Zazen zu praktizieren bedeutet daher, all diese Fixierungen zu beobachten — manchmal über eine sehr lange Zeit hinweg — und sie loszulassen. Wir haben gar nicht vielmehr zu tun, als diese Fixierungen zu beobachten, und durch diese gleichmütige Beobachtung lösen sich die Spannungen ganz von selbst.

[Aikido-Lehrer François Lang greift einen Schüler am Handgelenk, dabei die Füße gestreckt und die Knie gebeugt]

In der Praxis der Kampfkunst ist es in gewisser Weise ähnlich. Als jemand, der das Glück hat, beides zu praktizieren, empfinde ich es als außergewöhnlich ergiebig. Die Kampfkünste versetzen einen in die gleiche Situation. Mit anderen Worten, im Allgemeinen befindet man sich während des Praktizierens in blockierten Situationen. Im Aikido arbeiten wir sehr viel mit Griffen, welche eine wesentliche pädagogische Funktion haben. In dem Augenblick, in dem man körperlich gepackt wird, wird man auch geistig gepackt. Es ist sehr interessant bei der Arbeit mit Anfängern zu beobachten, dass schon das Greifen am Handgelenk ausreicht, dass sich die Person sofort am ganzen Körper gepackt fühlt. Mit der Übung lernt man schrittweise durch den Körper: „Oh, ich bin zwar am Handgelenk gepackt, dieser Teil des Körpers ist festgehalten, aber der ganze Rest ist frei… Es ist sogar der Großteil meines Körpers frei — nur mein Handgelenk ist gepackt.“ Wenn man sich dieser Verfügbarkeiten auf körperlicher Ebene gewahr wird, wird man sich ihrer letztlich auch auf geistiger Ebene gewahr. Hier ist meiner Meinung nach ein weiterer Punkt, in dem die Kampfkünste und Zen zusammentreffen.

Natürlich gibt es auch körperliche Prinzipien, die die Kampfkünste und Zen gemeinsam haben. Man muss sich nur einmal die Körperhaltung anschauen. Diese Haltung ist auf das Hara zentriert, welches sich drei Finger breit unter dem Bauchnabel befindet. Dieser Bereich stimmt mit dem Gravitationsschwerpunkt und dem Energiezentrum des Körpers (kikai tanden, japanisch: „Ozean der Energie“) überein. In allen Kampfkünsten kommt die Bewegung aus dem Becken, dem Unterbauch und der Hüfte. Aikido ist vollständig zentriert in den Hüften, so wie es auch die Zazen-Haltung ist. Es ist tatsächlich so, dass wir versuchen, durch diese Haltung das Becken derart zu kippen, damit es in genau die Position gerät, dass der Unterbauch sich setzt und sich alles andere daraus von selbst einstellt. Die Atmung wird einfacher, mit einer langen Ausatmung; und dies geschieht auf natürliche Weise, wenn das Hara in der richtigen Position ist. Das Körpergewicht geht in natürlicher Weise in diesen Punkt hinein. Im oberen Körper fangen die Spannungen an nachzulassen; man hält den Kopf richtig, auf der Wirbelsäule balancierend, um Rückenspannungen zu vermeiden; und dann blüht die Gegend um das Hara ganz natürlich auf und dehnt sich aus.

Das Gleiche ist es auch in den Kampfkünsten. Wir versuchen, durch die Atmung dieses Gefühl im Bauch zu entwickeln. Die Ausatmung reicht tief hinunter. Wenn wir angreifen, ist es stets während der Ausatmung, denn die Ausatmung ist der Moment, wenn die Energie im Hara konzentriert ist. Je langsamer und tiefer man ausatmet, desto mehr Energie sammelt sich im Hara. Die Einatmung ist ein Moment der Schwäche, und die meiste Zeit über sollte man während eines Kampfes kein Interesse daran haben, den Gegner sehen zu lassen, wie man selbst atmet. Der Angreifer wird andererseits immer versuchen, sich während der Einatmung seines Feindes zu bewegen, da er genau dann schwach ist. In der Praxis, in den Kampfkünsten, ist der Atem ruhig, genau so dass man seinem Gegner nicht offenbart, wann man einatmet und wann ausatmet. Im Zen ist die Ausatmung sehr lang; die Einatmung geschieht natürlich und ist im Allgemeinen kürzer. Wir reden nicht zu viel über das Atmen im Zen, denn wenn wir den Leuten sagen, sie sollen auf diese Weise atmen, dann würden sie versuchen es zu erzwingen. Wenn wir hingegen die Körperhaltung mehr betonen, dann folgt die Atmung ganz natürlich. Wir können es ein wenig beschreiben. Aber ich erinnere mich, als ich mit Zazen anfing, dass ich gehört habe, man müsse gegen seine Gedärme drücken. Also drückte ich bis ich mir an einem gewissen Punkt sagte: „Das ist unmöglich: Ich kann nicht atmen!“ Später sagte man mir: „Lass es einfach geschehen. Es wird ganz natürlich kommen.“ So begann ich zu verstehen, was Atmen ist.

[Foto von François Lang, in Kolomo und Kesa]

Die Kampfkünste existieren, um unsere Freiheit zu erhöhen, das heißt, uns in Situationen mit extremen Einschränkungen zu setzen, Einschränkungen, die Teil unserer Erziehung sind. Die Kampfkünste sind vor allem eine Erziehung, wie auch Zen. Wir unterziehen uns immer stärkeren Einschränkungen und versuchen so, uns selbst immer mehr zu befreien. Im Zen, so wie in den Kampfkünsten, haben wir verstanden, dass wir durch die körperliche Übung eine geistige Flexibilität erlangen können.

Ich kann den Geist nicht mit dem Geist zur Ruhe bringen. Meister Deshimaru pflegte zu sagen: „Man kann das Feuer nicht mit Feuer löschen.“ Ich denke dies ist etwas, das die östlichen Zivilisationen gewiss besser verstanden haben als wir: Wir benutzen den Körper, um den Geist zu erziehen. Offenbar stimmt auch das Umgekehrte. Manchmal kann der Geist einen starken Einfluss auf den Körper ausüben.

Je mehr man seinen Körper befreit, desto mehr befreit man seinen Geist. Nichts anderes haben die Kampfkünste zum Ziel. Es wäre ein schwerer Fehler zu glauben, der Gegenstand der Kampfkünste sei es, Stufen zu erlangen oder stärker zu werden um zu siegen. Meister Deshimaru schrieb in seinem Buch Zen in den Kampfkünsten Japans1, dass dies ein ziemlich einfältiges Verständnis der Kampfkünste ist. In der Kampfkunst geht es um die Entwicklung des Geistes und die Praxis selbst ist ausreichend. Warum praktizieren wir? Wir praktizieren um der Praxis willen, ebenso, wie wir im Zen nicht wegen eines bestimmten Ziels praktizieren. Im Zen sagen wir, dass die Praxis selbst das Erwachen ist. Von dem Moment an, in dem man sich in diesem Geist befindet, wenn man in dieser geistigen Beobachtung ist, wenn man seine Gedanken loslässt und versucht, völlig gegenwärtig bei allem was geschieht zu sein, dann kann dies als bereits erwacht angesehen werden — mehr ist da nicht.

In gleicher Weise haben wir, wenn wir mit den Kampfkünsten beginnen, die Vorstellung, einen stärkeren Körper zu bekommen, und in der Tat entwickeln wir uns körperlich und verbessern unsere Geschmeidigkeit. Aber was passiert nach einer Weile? Wir werden älter. Das ist unumkehrbar. Was geschieht dann also? Sind die Kampfkünste nur Menschen im Alter zwischen 15 und 30 Jahren vorbehalten, und danach muss man damit aufhören, weil man körperlich nicht mehr dazu in der Lage ist? Das ist doch etwas lächerlich. Die Kampfkünste sind — auf jeden Fall wie sie in Japan praktiziert werden — die Praxis des Weges, der ein ganzes Leben umfasst. Es ist eine Erziehung, eine Lebensweise. Und dies trifft für alle Kampfkünste zu: Karate, Aikido, Kendo usw. In Japan gibt es einige Senseis, die sehr alt sind und immer noch mit Regelmäßigkeit praktizieren. Im Westen wurde dies oft missverstanden und wir haben aus den Kampfkünsten einen Sport gemacht; aber Leute, die eine Kampf-Disziplin betreiben, würden nie daran denken aufzuhören, wenn sie körperlich nachlassen.

[Foto dreier japanischer Samurais in voller Kampfkleidung und Kopfschutz: einer stehend und Pfeil und Bogen haltend (der Bogen ist größer als er selbst); der zweite über ein Schwert gebeugt; und der dritte sitzend und einen langen Stab haltend]

Die Kampfkünste sind so gestaltet, dass es eine Art zu praktizieren für 25jährige gibt, wenn man vor Enthusiasmus sprüht (und es gibt keinen Grund, dies nicht auszunutzen, denn es ist eine aufregende Zeit). Aber später kommt ein Lebensabschnitt, der ebenso äußerst interessant ist, nämlich wenn man mehr und mehr anfängt, das was man an körperlichen Leistungen einbüßt mit Weitblick, Einstellung und Geist auszugleichen. Ich denke, dass diese Entwicklung eine hervorragende Entsprechung zu einer Kampfkunst ist. Ich denke, dass sich hierin die Entfaltung einer Kampfkunst im besten Sinne ausdrückt.

[Foto von einer Zen-Nonne und zweier Zen-Mönchen, in Kolomo und Kesa gekleidet, nebeneinander stehend und die Hände vor sich verschränkt]

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.


1 Zen in den Kampfkünsten Japans, von Taisen Deshimaru (Kristkeitz-Verlag 1994).

 

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