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Zen lesen: Was und wie
von Philippe Coupey
Ihr seid auf dem Weg, und es ist wichtig, sich mit ihm zu beschäftigen. Alle Pfade sind schließlich derselbe, doch es ist wichtig zu verstehen, was ihr praktiziert: diesen Weg, Zen, und die dazugehörende Unterweisung. Es ist notwendig, sich mit dieser Traditionslinie zu beschäftigen, zu der viele große Meister gehören: Sosan, Sekito, Dogen, Daichi, Menzan, Kodo Sawaki, Deshimaru... Da wir zur direkten Linie von Bodhidharma gehören, sollten wir uns mit dieser Tradition beschäftigen — mit der Sichtweise eures Meisters studieren und des Meisters eures Meisters und so weiter zurück bis zu Bodhidharma.
![Philippe Coupey, Zentempel La Gendronnière, 2005 [Ein kürzlich aufgenommenes Bild Philippe Coupeys, beim Lesen in seinem Zimmer im Zentempel La Gendronnière, 2005]](/img/pcreading05.jpg)
Wie Daichi in einem seiner Gedichte sagt, kann jedes Wort heilen. Aber es kommt darauf an, wie ihr lest. Wenn ihr Zen-Texte und Kusen schnell lest, nur um sie innerhalb einer absehbaren Zeit abzuhacken, ist dies überhaupt nicht effektiv. Es kommt auch darauf an, was ihr lest. Wenn ihr die wesentlichen Zen-Texte lest, könnt (und sollt) ihr euch unbewusst viel Zeit für sie — für jedes Wort — nehmen. Wenn ihr Texte über Buddhismus im Allgemeinen lest — wie z.B. wissenschaftliche Schriften über den Mahayana oder den Hinayana-Buddhismus — nur um Kenntnisse darüber zu gewinnen, könnt ihr euch durchaus nur ein paar Sekunden Zeit für jedes Wort nehmen. Meister Deshimaru sagte:
Wenn ihr die Kommentare über die Urtexte des Zen nicht begreift und lediglich andere Mahayana-Sutras lest, werdet ihr das wahre Zen nicht verstehen.
Die unten aufgelisteten Zen-Schriften gehen den Sutras vor. Gewiss: Die Sutras sind mehrere hundert Jahre und die Zen-Texte erst tausend Jahre nach Buddhas Tod geschrieben worden. Aber die Sutras folgen der Erweckung Buddhas, während die Zen-Texte Buddhas Erweckung sind. Wir lesen die Sutras mit unserem Vorderhirn, um sie zu verstehen. Zen-Texte müssen mit dem Bauch verstanden werden — hier und jetzt, nicht anders als Buddha unter dem Bodhi-Baum, diesselbe Zeit und derselbe Raum.
Es ist wesentlich, zu lesen und sich mit dem Gelesenem zu beschäftigen, nicht nur die überlieferten Zen-Schriften, sondern auch die Kommentare von Meistern aus jüngerer Zeit. In unserer Praxis ist die im Dojo erteilte, mündliche Unterweisung, das Kusen, oft der Kommentar zu einem überlieferten Zen-Text. Hört nicht nur die Kusens: beschäftigt Euch später weiter damit. So werdet ihr sie tiefer verstehen.
Sich damit zu beschäftigen heißt nicht, ein Buch zu kaufen und es von der ersten bis zur letzten Seite durchzulesen. Sich damit zu beschäftigen heißt für mich, die Buddha-Natur oder — besser gesagt — die ursprüngliche Natur durch Wiederholung zu verstehen. Bei der Lektüre des Shobogenzo habe ich Dogens Wiederholungen wieder und wieder gelesen und schließlich habe ich es verstanden. Was habe ich verstanden? Meister Dogens Ausdrucksmittel. Durch die Wiederholung ist diese Kosmologie, diese Redeweise und diese Sicht in mich eingedrungen. Die Wiederholung des selben Gegenstands ist wichtig, das wiederholte Lesen. Lest beispielsweise die erste Seite von Dogens Genjokoan so oft, bis ihr sie wirklich gut verstanden habt. Dann werdet ihr die ganze Unterweisung verstehen.
![Philippe Coupey, Zentempel La Gendronnière, 1980 [Ein altes Foto des jungen Philippe Coupeys, im Bett lesend, Zentempel La Gendronnière, 1980]](/img/pcreading80.jpg)
Der beste Weg, sich diesen Texten anzunähern, ist ein wenig darin zu lesen, Zazen zu machen, weiter darin zu lesen oder noch einmal zu lesen, was ihr vor dem Sitzen gelesen habt. Versucht nicht zu verstehen. Diese Schriften dringen nicht durch den Kopf ein, sondern durch die Poren.
Und schließlich achtet darauf, dies nicht für euch selbst zu tun. Am Anfang beschäftigt man sich selbstverständlich damit, um alles für sich selbst zu verstehen. Aber später passiert etwas: Ihr beschäftigt euch damit, um es zu erklären und weiterzugeben. Gäbe es niemanden mehr auf der Welt, gäbe es auch keinen Grund, über Buddhismus zu lesen. Es ist eine menschliche Angelegenheit, eine Frage von gegenseitiger Abhängigkeit.
leseempfehlungen
- Eihei Dogen (1200–1253), Fukanzazengi
- Zen, Simply Sitting: Commentaries on the Fukanzazengi, von Philippe Coupey (erschienen Frühjahr 2007 bei Hohm Press, s. folgende Rezension)
- Eihei Dogen, Shobogenzo
- Vollständige Übersetzung:
- Shobogenzo - Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges von Meister Dogen, erstmals aus dem
japanischen Urtext ins Deutsche übersetzt, vollständige Ausgabe in 4 Bänden, mit reichhaltigen Anmerkungen
von Zen-Meister Gudo Wafu Nishijima
Lieferbar: Band 1 und 2; Band 3 voraussichtlich 2005: Kap. 42-72; Band 4 voraussichtlich 2007: Kap. 73-95). Heidelberg: Kristkeitz Verlag 2003ff.
(Band 3 und 4 auch beim Angkor Verlag in einer anderen Übersetzung lieferbar)
Zazenshin
- (Siehe englische oder französische Liste.)
- Übersetzung von Meister Deshimaru, kommentiert von Michel Bovay (AZI 1983)
- (Siehe französische Liste.)
- Shobogenzo - Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges von Meister Dogen, erstmals aus dem
japanischen Urtext ins Deutsche übersetzt, vollständige Ausgabe in 4 Bänden, mit reichhaltigen Anmerkungen
von Zen-Meister Gudo Wafu Nishijima
- Eihei Dogen, Eiheikoroku
- Mein Mond-Körper: Gedichte von Meister Dogens Eiheikoroku, kommentiert von Philippe Coupey (erschienen – auf französich – Januar 2008 bei Éditions Désiris, Paris, s. folgende Rezension)
- Fuyodokai (chin. Furong Daokai, 1043–1118), Gion Shogi
- Gion Shogi
(Siehe englische oder französische Liste.)
- Gion Shogi
- Huang-po (jap. Obaku Kiun, –850)
- Der Geist des Zen, von Huang-po, Übersetzung aus dem Englischen von John Blofeld. Frankfurt: Fischer Taschenbuch-Verlag 1997.
- Hui-hai (jap. Hyakujo Ekai, 720–814)
- (Siehe englische Liste.)
- Sekito Kisen (chin. Shitou Xiqian, 700–790), Sandokai
- Sandokai - Die Einheit von Essenz und Erscheinung, von Meister Sekito. Herausgegeben und kommentiert von Roshi Taisen Deshimaru
- Sosan (chin. Sengcan, –606), Shinjinmei
- Shinjinmei - Gedichtsammlung vom Glauben an den Geist, von Meister Sosan. Herausgegeben und kommentiert von Roshi Taisen Deshimaru. Heidelberg: Kristkeitz 1979.
- (Für Kommentare von Philippe Coupey siehe englische oder französische Liste.)
- Tozan Ryokai (chin. Dongshan Liangjie, 807–869), Hokyozanmai
- Hokyo Zanmai - Das Samadhi des Schatzspiegels, von Meister Tozan. Herausgegeben und kommentiert von Roshi Taisen Deshimaru. Heidelberg: Kristkeitz 2004.
- Yoka Daishi (chin. Yongjia Xuanjue, 665–713), Shodoka
- Shodoka: Satori - Hier und Jetzt, von Meister Yoka-Daishi. Herausgegeben und kommentiert von Roshi Taisen Deshimaru. Kristkeitz
- Andere deutschsprachige Bücher von Kodo Sawaki, Taisen Deshimaru und Philippe Coupey
- An Dich: Zen-Sprüche, von Kodo Sawaki. Übersetzung von Muho Nölke. Frankfurt: Angkor Verlag, 2002.
- Zen ist die größte Lüge aller Zeiten, von Kodo Sawaki. Übersetzung von Muho Nölke. Frankfurt: Angkor Verlag, 2005.
- Dokan: Täglich Zazen!, von Taisen Deshimaru. Heidelberg: Kristkeitz Verlag, 2002.
- Fragen an einen Zen-Meister, von Taisen Deshimaru. Heidelberg: Kristkeitz Verlag, 1987.
- Zen in den Kampfkünsten Japans, von Taisen Deshimaru. Heidelberg: Kristkeitz Verlag, 1994.
- Die Stimme des Tales: Ein Sesshin-Tagebuch, von Taisen Deshimaru. Herausgegeben von Philippe Coupey. Heidelberg: Kristkeitz Verlag, 1994.
- Sitzender Drache, von Taisen Deshimaru mit Philippe Coupey. Frankfurt: AngkorVerlag, 2001.