Zen Road [Publikationen | Mein Mond-Körper | Kommentar eines Zenmönchs zu Dogens „Eiheikoroku“ von Philippe Coupey]
www.zen-road.org

Zen, Zazen
und alle,
die es praktizieren
– eine Webressource von Freunden des Zenmönchs Philippe Coupey

publikationen

aufscheinen

Mein Mond-Körper: Gedichte von Meister Dogens Eiheikoroku

kommentiert von Philippe Coupey, Zen-Mönch

„Wie sind diese Gedichte zu verstehen?“, fragt Coupey in seinem neuen Buch, und gibt in der Auseinandersetzung mit dem Eiheikoroku Unterweisungen in Zen. „Es sind nicht wirklich Koan, denn wenn es Koan wären, würde ich sie nicht kommentieren. Man muss sich von den Bildern durchdringen lassen — sie osmotisch aufnehmen.“


[Umschlag des Buchs „Mein Mond-Körper“ von Philippe Coupey]

Der Zen-Meister Dogen (1200 – 1253) ist vor allem für sein Shobogenzo bekannt, ein überragendes, 95-bändiges Werk, das den Großteil seiner Unterweisungen enthält. Seine Gedichte sind im Sanshodoei vereinigt, mit Ausnahme derjenigen der Sammlung Eiheikoroku (Die vollständige Sammlung von Eihei Dogen), die lange geheim gehalten wurden und den engsten Schülern vorbehalten waren. Die zehn Bände umfassenden Vorträge und Gedichte des Eiheikoroku sind nach Dogens Tod von seinem Sekretär Ejo und anderen Schülern zusammengetragen worden.

Meister Taisen Deshimaru hat während des letzten Sommer-Retreats, das er 1981 in Frankreich im Zen-Tempel La Gendronnière leitete, 46 Gedichte aus dem Eiheikoroku kommentiert. Einer seiner engen Schüler, Philippe Coupey, hat vom Winter 2000 bis zum Herbst 2003 die Unterweisung seines Meisters in seinem eigenen Kusen (mündliche Belehrungen während Zazen) weitergegeben und sie um seine eigene Erfahrung und Einsichten erweitert. Diese Unterweisungen wurden in Buchform zusammengetragen, mit dem Titel Mein Mond-Körper, und es kommt im Januar 2008 auf französisch heraus (bei Editions DésIris). Die Gedichte und Kommentare sind mit Photos von Christophe Chat-verre, Juliette Heymann, Fati Ikpatchki und Elaine Konopka illustriert.

Die Gedichte des Eiheikoroku sind die unverfälschte Lehre Dogens und anderer Meister der Vergangenheit und der Gegenwart. Sie sind unmittelbarer Ausdruck des Soto-Zen: zum Erwachen gelangen durch die Praxis von Zazen.

Zum Beispiel Gedicht 17:

Zum Abend-Zazen versammelt, sehen wir den Morgen kommen.
Das ist das beste Teil, und wir haben nicht den Wunsch, zu schlafen.
So können wir bendo verstehen, die wahre Praxis des Wegs.

[Eiszapfen hängen von Vordächern]

Oder das Gedicht 41:

Der harte, strenge Winter ist noch nicht vorüber, aber der Frühling ist schon da.
Die Beine kreuzen und eine gute Methode anzuwenden
Ist weder alt noch frisch.
In einem Jahr gibt es zwei erste Frühlingstage.

 

Die Dichtung von Dogen handelt oft von der Natur. Im Eiheikoroku ist immer wieder vom Mond, von den Bergen, von Schnee und Wind die Rede.

[Ein einsamer Esel, von weitem, auf einer Sand-Düne]

Wie in Gedicht 25:

Warum immer nur eine Farbe, weiß?
Wer spricht vom Himmel und den Menschen?
Gebt nicht die Sprache des Vogels wieder, der unter der Kälte leidet.
Jenseits ist ein ruhiger und stiller See in verschneiten Himalayas.

Doch die Natur anzuschauen schafft keinen Dualismus bei dem, der sieht, ohne zu Haften, ohne besonders Schönes oder Hässliches festzustellen. Das kommt bei Dogen in Gedicht 28 zum Ausdruck:

[Eine Abbildung des „Denkers“ von Rodin, an der Métro-Haltestelle Vavin in Paris]

Auch wenn die Pflaumen- oder Pfirsichblüte entzückend ist, werde ich sie nicht bewundern.
Wenn Kiefer und Zeder ihr Grün verlieren, werde ich nicht entsetzt sein.
Denn der Mensch des Wegs vergisst sich ganz wie die Schneeflocke im Frühlingswind vergeht.
Und so habe ich zehn Jahre lang myorei, das Verhaftet-Sein, von mir abgetan.

Der Natur gegenüber zu treten ist wie vor der Wand im Dojo sein — anders gesagt, sich selbst gegenüber zu treten. Diese Gedichte verdanken sich nicht einer naturalistischen oder taoistischen Inspiration; das häufige Bezugnehmen auf die Natur versinnbildlicht die Stille — die äußere Stille des Bergs oder des Waldes, aber auch die innere Stille des Geistes.

„Dogens Gedichte, so wenig verstandesmäßig greifbar sie auch sein mögen, sind im Grunde eine Ermutigung, zu üben,“ sagt Coupey. „Sie sind ein Finger, der auf den einzuschlagenden Weg weist, ohne sich auf irgendwelche Kategorien einzulassen — auch nicht der Kategorie von Zazen.

[Zerklüftete Gipfel und dramatische Wolken]

Der Wind fegt die klare und wunderbare Unterweisung der Patriarchen hinweg.
Berge und Flüsse sind zehn Millionen Mal ins Unendliche aufgetürmt.


Auszug aus Mein Mond-Körper,
von Philippe Coupey

 

Gedicht 39: Winter-Sonnenwende

Heute ist kurz, gestern lang.
Schließlich wird mir klar, dass das Buddha-Dharma nicht verstanden oder gedacht werden kann.
Auch wenn alles Überlegen an ein Ende kommt, wie können wir vorankommen, während wir wissen?
Überall wo ich andere Menschen treffe, wünsche ich Ihnen ein „Frohes neues Jahr“.

Meister Dogen hat dieses Gedicht zur Zeit der Winter-Sonnenwende geschrieben, zur Zeit des kürzesten Tages im Jahr und der längsten Nacht. Doch was ist lang, was ist kurz? Als die Amerikaner 1867 Alaska von Russland für 700 000 Dollar abkauften, wurden die USA größer und Russland wurde kleiner. Und doch ist die Erde dabei weder größer noch kleiner geworden. Schaut nicht nur auf die eine Seite der Dinge, bleibt nicht bei Eurer persönlichen Sichtweise stecken…

Wie wählen wir letztlich? Wählen wir tatsächlich den Verlauf unseres Lebens — die richtige Zeit, um ein Kind zu bekommen, zum Beispiel, oder ob wir am nächsten Sesshin teilnehmen oder nicht? Sind diese Dinge wirklich das Ergebnis unserer Entschlüsse, oder geschehen sie von selbst, in der unsichtbaren Welt?

[Kodo Sawaki (1880-1965) im Mönchsgewand, in der Zazen-Haltung]

…Wenn einmal Wörter und Gedanken aufgegeben sind, wie handeln wir dann? Was ist das richtige Verhalten? Hier ist die Antwort: geht direkt zum Geist des Wegs — das heißt, zur Praxis, zu Zazen. Alles andere ist zweitrangig. Bleibt nicht bei der einen Seite der Dinge stecken, lasst euch von der Gestalt nicht täuschen und sucht keinen Gewinn: das ist der Geist des Wegs. Wenn ihr es unternehmt, zu handeln, worum auch immer es sich handeln mag, macht das Unmögliche. Anders gesagt, seid gegenwärtig, begrüßt alle Erscheinungen der Welt. Trennt Euch nicht vom Alltagsleben. Eure Praxis im Dojo sollte sich äußern in der Art wie Ihr zu Hause seid, oder während des Essens: wenn Ihr esst, esst ihr. Die Haltung beim Essen ist dieselbe wie im Dojo, und das gilt auch für die Haltung im Bett. Es gibt etliche Arten, einzuschlafen. Manche fallen wie ein Häufchen zusammen, und sie können nichts dafür, wenn sie schnarchen. Dann werden sie von ihrem Schnarchen geweckt, und sie fragen sich, wer sie geweckt haben mag. Aber es gibt andere Arten zu schlafen: „schlafen ohne zu schlafen“ Das geht. Das ist Zazen. Anders gesagt: Achtung!


[Umschlag des Buchs „Mein Mond-Körper“ von Philippe Coupey: eine lebensgroße Statue einer Frau, die auf einer Bank sitzt und ihr Kinn in den Händen hält]

Mon corps de lune: poèmes de l’Eiheikoroku de Maître Dogen par Philippe Coupey, moine zen (Mein Mond-Körper: Gedichte aus Meister Dogens Eiheikoroku, mit Kommentaren von Zen-Mönch Philippe Coupey). Auf französisch erschienen bei Éditions DesIris, Januar 2008. Erhältlich beim Verleger, dem einschlägigen Buchhandel sowie bei Zen Road.

 

[english] [français] [deutsch]