Zen Road [Publikationen | „Ryokan: Von der Welt vergessen“ | Ein neues Buch über Ryokan, von Dominique Blain]
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– eine Webressource von Freunden des Zenmönchs Philippe Coupey

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in den kleinen dingen leben

ein neues Buch über Ryokan, von Dominique Blain

Vor vier Jahren schlüpfte Zenmönch Dominique Blain in die Schuhe von Ryokan, dem berühmten japanischen Einsiedler, Zenmönch und Dichter der späten Edo Ära. Das Ergebnis — Ryokan : L’oublié du monde (Ryokan : Von der Welt vergessen) — wurde im November 2007 vom Verlag Deux Océans veröffentlicht.

Zen Road sprach mit dem Autor über sein Buch und seine Praxis.


[Umschlag des Buches „Ryokan: Von der Welt vergessen“, von Dominique Blain. Er zeigt einen wandernden Mönch, der inmitten von Flammen oder roten Blättern unter einem großen weißen Mond geht. Illustration von Guyseika]

Zen Road : Warum Ryokan?

Dominique Blain : Für mich ist er jemand, der die gehobenste Form menschlicher Intelligenz verkörpert. Er war ein einfacher Mönch, ein Einsiedler, ein Bettler, frei von allem. Um zu unterweisen benutzte er nicht die abgedroschenen Wort der alten Texte. Seine Lehre war lebendig. Er spielte mit Kindern und sein Leben bewegte sich immer auf das Wesentliche zu. Er machte keine Kompromisse, er entblößte sich, er hatte einen nicht-dualistischen Geist, den Geist eines Kindes. Das finde ich sehr schön.

ZR : Wie hast Du die Geschichte des Lebens dieses Mannes gegliedert?

DB : Ich lasse die Person sprechen. Ich stelle ihn vor; er spricht und seine Schriften sind eingeschlossen. Mein Ziel war ganz und gar in Ryokans Haut zu schlüpfen. Das ist sehr schwer. Man muss unglaublich viel lesen, den Mann aufsaugen. Das ist das, was mich beim Schreiben interessiert: mich in die Schuhe anderer Menschen zu stellen. Indem ich Bücher las, habe ich mich Stück für Stück in Ryokan versenkt und ließ ihn sprechen. Ich bin hineingeschlüpft und habe versucht, ihn nicht zu sehr zu verraten und — gleich ihm — mich zu entblößen, um so die Person durch das Schreiben zu erfahren.

ZR : Was hast Du gehofft, als Ryokan auszudrücken? Was hast Du über ihn zu sagen?

DB : Es gibt schon einige Bücher über Ryokan. Aber ich war irgendwie frustiert. Denn jedes Mal, wenn ich eines gelesen hatte, dachte ich, es zeigt eine Facette des Mannes aber nicht seine ganze Persönlichkeit. Das einzige Buch, das über den „ganzen“ Ryokan existiert, ist ein rein historisches Buch — es beinhaltet die Lebensdaten und die Dinge, die Ryokan tat, aber ich fand nichts vom Zauber oder von der Poesie der Person darin. Es gibt keine Bücher, die Ryokans ganzes Leben in Zusammenhang mit seinen wesentlichen Schriften zurückverfolgen. Deswegen wollte ich, dass meine Arbeit poetisch wirkt — denn er war ein Poet; ich wollte jene seiner Texte hineinnehmen, die mir wesentlich erschienen; und ich wollte sein Leben in einer Art und Weise erzählen, die angenehm zu lesen ist.

[Sechs vertikale Linien von Ryokans fließender Kalligraphie in schwarzer Tinte auf beigem Papier, geschmückt mit verblichenen rostbraunen Blättern]

ZR : Hat Deine Zazen-Praxis in diesem Projekt eine Rolle gespielt?

DB : Die Praxis ist wesentlich: Zazen machen und hören. Philippe [Coupeys] ganze Unterweisung ist darin. Wenn wir ein Kusen hören [mündliche Unterweisung, die während Zazen gegeben wird], dann ist das anders als ein Buch zu lesen. Es ist eine Unterweisung, die weitergegeben wird, nicht nur durch einen Zustand des Geistes, sondern auch durch die Stimme, die Töne, die Knochen, das Fleisch, das Blut. Mit anderen Worten: durch die Anwesenheit. Der Meister übermittelt all das, nicht nur etwas Intellektuelles. Während Zazen dringt es in uns ein — ob wir das wollen oder nicht — und spater kommt es beim Schreiben wieder heraus.

Auch mein ganzes Leben ist darin [in diesem Buch], das gute oder schlechte „Karma“, dass ich seit meiner Jugend mit mir herumschleppe. Es ist konkret. Notwendigerweise tut man, was man ist und was man fühlt, in das, was man sagt oder schreibt.

ZR : Hast Du irgendwas entdeckt als Du das Buch geschrieben hast? Gab es Überraschungen — über Ryokan oder über Dich selbst?

DB : Die große Überraschung war, das ich mich, nachdem ich mich in Ryokan hineinversetzt hatte, in Taishin verliebte! Ich habe viel über sie fantasiert. Als Ryokan 70 war, verliebte er sich in Taishin, die um die 40 war, und er hatte eine leidenschaftliche Liebesaffaire mit dieser Frau. Wir wissen nicht, ob er mit ihr geschlafen hat — das ist nicht der Punkt. Aber es scheint, dass sie bis zum Ende, bis zum letzen Tag, eine leidenschaftliche Beziehung hatten. Sie schrieben großartige Gedichte aneinander, die im Buch auftauchen.

Ansonsten beeindruckte mich an Ryokan am meisten, dass er tatsächlich ein Mann war, der gar nichts lehrte. Sein Leben war seine Unterweisung. Er strahlte Zen aus, er strahlte den Weg aus.

Mich interessiert das „Leben“, wie Deshimaru sagen würde, nicht, was auf dem Papier geschrieben steht. Eine intellektuelle Unterweisung interessiert mich nicht. Was mich interessiert, ist das Fleisch der Menschen, ihr Geist, ihre Leiden, ihre Freuden — nicht das Ziel, über das Selbst hinauszugehen. Was mich interessiert ist, wie Menschen ihren Alltag leben und genau das ist Ryokan: Alltagsleben, mit Kindern spielen, Menschen auf der Türschwelle treffen und über dies und das reden.

ZR : Denkst Du, dass diese Art des Lebens immer noch möglich ist?

DB : Aber ja. Für mich ist Zen eine Form des in–den-kleinen-Dingen-Lebens. Man könnte sagen: „Hey, ich werde die Welt retten“ oder „Ich werde diesen Menschen in Afrika helfen“ — das ist in Ordnung, ich kritisiere das überhaupt nicht. Aber in den kleinen Dingen des alltäglichen Lebens haben wir andauernd Gelegenheit, Philippes Unterweisung — Zen Unterweisung — in die Praxis umzusetzen. Nimm ein wirklich einfaches Beispiel: in ein Geschäft hineingehen und Guten Tag sagen. Oder jemanden, der in Eile ist, vorgehen lassen. Das erscheint unbedeutend, aber genau darum dreht es sich. In jedem Augenblick sollten wir achtsam sein, dass wir andere und uns respektieren. Jede Minute unseres Lebens können wir so darauf achten, wer wir sind und wie wir versuchen können, in Harmonie mit anderen zu leben. Für mich ist es das, was Zen ausmacht, das ist das Wesentliche.


Auszüge aus Ryokan: Von der Welt vergessen,
von Dominique Blain

 

Obwohl man sie nur selten gebrauchen würde, wurden ihm sechs Namen gegeben. „Das sind viele für ein Leben“, würde er später sagen.

Menschen Namen zu geben heißt, nur flüchtig auf sie zu schauen. Sich wirklich begegnen bedeutet ohne Worte zu schauen, mit dem Geist von jemandem, der nichts weiß, der noch alles über den anderen entdecken muss. Es bedeutet, sich preiszugeben und sich aufs Spiel zu setzen, in der Einfachheit des Seins.

Der erste Name wird ihm durch seine Mutter gegeben: Eizo, „Zuflucht des Gedeihens.“

Der Vater fügt sich und zieht sich zurück. Der zweite Name, gemäß des religiösen Brauchs am Ende der Jugend verliehen (mit fünfzehn Jahren für Jungen, mit dreizehn für Mädchen): Bunko oder Fumikata.

Der dritte von seinem Meister: Ryokan, „gut, freundlich, weit und großzügig.“ Der vierte aus Spaß: Taigu, „Großer Narr.“

Der fünfte von den Dorfbewohnern: Temari-shonin, „Hochwürden des Balls.“ Der sechste: „Krähe“ (wegen seines Teints, der der schwarzen Farbe seiner Kleider ähnelte).

Andere Namen sind mit ihm verbunden, weniger oft gebraucht: „Der Gerechte,“ „Niemals Verächtlich,“ die benutzt wurden, als er in Gemeinschaft lebte oder während seiner Wanderschaft; oder, viel seltener, „Ewig Verhöhnter“ (gebraucht von überheblichen Intellektuellen).


[Portrait (Ölfarben) von Ryokan von Jean-Claude Reikai Vendetti (1946-2001). Der Mönch wird lächelnd abgebildet, mit einer weißen Blume auf seiner Schulter, vor einem blauen Hintergrund]

Das Drama von Ryokan (wenn wir so dreist sein dürfen) ist, dass er an nichts haftet. Ohne jemals zu erwarten, den Grund zu erreichen, ist jeder Augenblick des Tages wie die Leere eines Abgrunds. Bei seiner Geburt muss er auf einem von Tau nassen Stein am Rand einer Schlucht geschlittert sein, ohne den Reflex zu haben, sich festzuhalten…

Er ist sich bewusst, ein Idiot zu sein und erklärt das offen. Kein Zweifel: dies sind Worte so wahr, dass kein kluger Mensch es wagen würde, sie für sich selbst zu reklamieren, ohne sich sofort betroffen zu fühlen. Das ist Ryokans Intelligenz. Er erwacht zur einzigartigen Lebensfreude. Er sorgt sich nicht länger um sich selbst. Indem er sich enthält, wird Ryokan klein und verborgen, was seine Größe ausmacht. Und er weiß es nicht.

Er kann Stunden lang im hohen Gras vergraben zubringen, und all den Morgentau willkommen heißen, den reinsten, delikatesten, während er unter den Grashalmen liest oder zeichnet, geschützt vor der Sonne, ohne wirklich zu bemerken, wie die Zeit vergeht. Kleine Dinge werden groß, wenn man sie einfach für sich genommen wachsen sieht, außerhalb der Zeit. Sehen, Berühren… sich Einmischen wäre ein Akt der Anstößigkeit gegen die Natur, als wenn man sich zwischen ein Kind und seinen Traum stellte.

Ryokans Leben ist wie das eines Kindes, das der elterlichen Aufsicht für einen Tag entkommen ist und das in einer Höhle Zuflucht gesucht hat, um von innen her das Licht besser sehen zu können. Wenn man fast ganz im Dunklen ist, erscheint das Licht nach einer Weile stärker, und füllt schließlich, wenn man es nicht erwartet, den ganzen Raum. Langsam wie er ist, vergeht sein Tag wie ein Blitz, den er nur im Augenblick erlebt, einem Augenblick der Gnade. Wenn man ihn gefragt hätte, was er im Leben macht, oder was er mit seinem Leben macht, hätte er erwidert: Ich lasse die Dinge vorbeiziehen. Das heißt nicht, nichts zu tun, im Gegenteil. Es ist die unermessliche Arbeit des Augenblicks. Jede Minute, jede Sekunde zählt, ich bezeuge das. Er hat nichts, für das er sich vor irgendjemanden zu rechtfertigen hätte, außer vielleicht vor sich selbst…

[Zeichnung von Ryokan von Kawai Gyokudo (1873-1957), die den Mönch mit Bettlerhut und Wanderstab zeigt, wie er auf einem gewundenen Pfad auf eine einsame Kiefer zugeht]

Er ist ein Mönch, den die Welt vergessen hat…

Was er weiß, das sagt er nicht. Was er nicht weiß, das beobachtet er, ohne irgendetwas zu definieren. Er lebt sein Leben nicht, um gehört zu werden, sondern um dem Leben Gehör zu verschaffen. Wörter sind wie ein Dorn auf dem Rosenbusch des Herzens. Gleich dem einer Rose ist der einzige Nutzen von Ryokan seine stille Anwesenheit. Sein Duft ist da, um uns entlang des Wegen zu begleiten, nicht um ihn zu behalten… Es gibt Menschen, die sind voll von sich selbst und solche, die sind leer, beide sind gleich, warum die Unterscheidungen?… Das Leiden verschont niemanden, die Reinen nicht und die Unreinen auch nicht. Vielleicht ist Reinheit einfach die Freude am Dasein.


Ein kalter Abend in meiner leeren Zelle,
Die Zeit flieht gleich dem Rauch der Räucherstäbchen.
Draußen, Tausende Bambusse,
Über meinem Bett, wie viele Bücher?…

Der Mond kommt, um die Hälfte meines Fensters zu bleichen.
An allen Seiten hört man nur das Lied der Insekten.
In all dem ist ein Gefühl ohne Grenzen…
Aber sobald man einen Blick erhascht, verschwinden die Worte.

Tausend Gipfel sind eingefroren von eisigem Schnee.
Auf zehntausend Pfaden keine menschliche Spur.
Tag für Tag tue ich nichts als Sitzen gegenüber der Wand.


Ryokan, L’oublié du monde (Ryokan: Von der Welt vergessen), von Dominique Blain (Paris: Les Deux Océans, November 2007). Erhältlich (in Französisch) sowohl über alle gewöhnlichen virtuellen und Fleisch-und-Blut-Buchhändler, als auch über Zen Road.

 

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