Zen Road
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Reise zum Mittelpunkt der Erde

 

Die Zazen-Haltung :

das Herz des Zen

und viel mehr

 

von Philippe Coupey

 

 

[Philippe Coupey mit aneinander gelegten Handflächen, die Fingerspitzen auf Nasenhöhe: die Haltung der Hände, die gassho genannt wird]

Die Knie drücken die Erde, der Kopf den Himmel. Der untere Rücken ist gestreckt und aufrecht, der Kopf ist gerade auf den Schultern, die auf eine natürliche Art und Weise fallen, wie auch der Blick. Und die Atmung: die Ausatmung ist tief und lang, die Einatmung kurz und vital. Wenn es einem gelingt, sich auf, sagen wir, die Stellung der Daumen zu konzentrieren oder auf die Ausatmung der Luft — egal für wie lange — und das alles, während man denkt-nicht-denkt — dann kann man sich auf alles zugleich konzentrieren. Das ist die wesentliche und korrekte Praxis des Zazen.

 

Ich habe Leute gekannt, die tolle Haltungen in Zazen hatten. Sie saßen sehr korrekt mit ihren Händen fest am Unterbauch, die Rücken so gerade wie es nur möglich ist, die Schultern unten, Kinn eingezogen — und einige hatten so mit Meister Deshimaru gesessen und auch später noch mit seinen älteren Schülern, wenn sie gelehrt haben. Sicherlich waren sie beeindruckt durch die Authentizität des Meisters und auch durch seine Unterweisung. Und trotzdem schien es, als würde die Haltung ihnen nicht mehr als das bedeuten.

 

Ein Mann, der einige Jahre praktiziert hatte und der sich auch in Richtung Tempelleben und Zeremonien orientierte, erzählte mir, dass er der sitzenden Haltung nicht mehr Wichtigkeit beimesse als z.B. der Haltung während der Hannya Shingyo-Zeremonie oder der Stellung der Hände in gassho, in shashu oder während sampai — die aufeinander abgestimmten Bewegungen von allen zusammen in perfekter Einheit von Körper und Geist.

 

So dachte er. Mit anderen Worten: soviel wäre über das Drücken der Meridianpunkte auf den inneren Oberschenkeln mit den Fersen zu sagen, so viel zum Strecken der Wirbelsäule am fünften Lendenwirbel, die Nasenspitze in einer vertikalen Linie mit dem Nabel haltend, die Schultern in einer Linie mit den Ohren usw. So viel dazu, all seine Gedanken auf diese Haltung und diese Atmung zu lenken für eine oder zwei Stunden am Tag. Das ist alles schön und gut, würde er sagen, aber dennoch ist es nur eine weitere Haltung, eine von vielen Haltungen, die ein Mann oder eine Frau in ihrer Lebenszeit praktizieren kann. Was ist schon groß dabei?

 

vollständiges Vertrauen in jede Einzelheit

 

[Eine Zeichnung der Zazenhaltung in Seitenansicht: die Beine im Lotussitz gekreuzt, die Knie drücken gegen die Erde, der Kopf gegen den Himmel, das Kinn zurückgezogen, der Rücken gerade]

Also zum einen ist es schwer, fortzufahren in der Haltung zu sitzen, wenn man sie nicht als der Mittelpunkt der Praxis des Weges ansieht. Denn das ist sie tatsächlich, bis ins letzte Detail: der Mittelpunkt der Praxis und gleichzeitig der Mittelpunkt der ganzen Welt. Aber man muss vollständiges Vertrauen in jede Einzelheit von ihr haben (und das sind weiß Gott viele!): Wie man die Beine kreuzt; wie man den Rücken streckt; wie man die Hände hält, den Kopf und die Schultern; wie man die Augen senkt; wie man den kleinen Finger der linken Hand hält; wie man die anderen Finger hält; wie man die Zunge ablegt und wo man die oberen Zähne gegenüber den unteren platziert; und auch wie man atmet und wie man denkt-nicht-denkt.

 

Wenn man nicht alle Einzelheiten ohne Ausnahme kennt und alle auf einmal, nicht vom Vorderhirn aus sondern vom hara aus, vom ki, vom Mittelpunkt, vom Mittelpunkt des kosmischen Mitgefühls aus — wenn Du das nicht kennst, dann wirst Du früher oder später aufhören. Man kann nicht die Einzelheiten missachten und trotzdem lange weitermachen. Wenn Du der Haltung eine Art Position oder einen Rang zuweist, wie den ersten oder zweiten Platz, oder noch schlimmer, wenn Du die zeremonielle Form zuerst setzt, oder auch nur auf eine Ebene Kopf an Kopf mit der exakten sitzenden Haltung, ist es schwierig fortzufahren. Früher oder später, in fünf Jahren oder in zehn, wirst Du schließlich etwas anderes als Zazen mit Deinem Leben machen (oder was davon übrig ist), das ist alles.

 

Stell Dir vor, wie sich das Gehirn fühlen muss, wenn es sich eingesperrt findet in einem Körper, der ein bisschen schwach und ein bisschen faul auf einem Zafu sitzt mit seinem Kopf nach vorne geplumpst, das Kinn nach vorn, den Rücken leicht gebeugt, die Hände lose vor dem Unterbauch gehalten mit herabhängenden Daumen…

 

Oder schließlich das Gegenteil, mit Daumen, die wie King Kong in den Himmel ragen, die Schultern hochgezogen und hart wie Kleiderständer, mit schneller ungleichmäßiger Atmung und Augen so weit geöffnet wie Untertassen. Man kann sich fragen: Was kann in solch einem Gehirn in diesem Moment vor sich gehen?

 

Was auch immer es ist, das Gehirn wird mit sich selbst nicht glücklich sein. Nicht glücklich wie es wäre, wenn es sich im normalen Zustand von Körper und Geist befände. Wenn ihr euch mittels dieser Haltung, wie ich sie oben kurz geschildert habe, beobachtet, wird das Gehirn früher oder später genau das machen: es wird zu seinem wahren Wohnsitz zurückkehren, zu seiner grundlegenden Quelle, seiner Essenz, die da ist, wo einfache Bewegung und einfache Nicht-Bewegung stattfindet, das muso (die Nicht-Haltung) des shikantaza (des korrekten Sitzens in Zazen). Und in diesem Moment mit richtig gestreckter Wirbelsäule, korrekt eingezogenem Kinn und mit der richtigen Spannung im Zentrum, im hara, könnte man genauso fragen: Welche Lehre empfängt der Geist (der Körper-Geist) denn nicht?

 

förderlich für unsere ganze Soto-Linie

 

[Ein Mönch sitzt in Zazenhaltung in einem Dojo]

Die Wichtigkeit, die wir der Haltung beimessen, ist sicher auch für uns persönlich förderlich — wegen der besseren Atmung und der besseren Arbeitsweise des Gehirns; aber sie ist auch förderlich für unsere ganze Soto-Linie. Man wird immer daran erinnert, wie man sitzen soll, wie atmen und wie denken-nicht-denken, und wenn dem nicht so wäre, wären wir wahrscheinlich nicht hier! Denn es ist diese „korrekt eingenommene Haltung“ — was dasselbe ist als wenn man sagte „korrekt ausgeführte Praxis“ — was uns bis heute lebendig und gesund hält und was uns hat weitermachen lassen durch die Vor-Tang-Dynastien in China, durch die Meiji-Zeit in Japan, stracks vom Jahre 500 in Nord-China bis ins Jahr 2000 in Europa, und ohne das leiseste Anzeichen von Ermüdung oder Verfall zu zeigen.

 

Und was noch wichtiger ist: weil uns die korrekte Haltung aus der entfernten Vergangenheit bis heute weitergegeben wurde, funktionieren wir heute nicht anders und das ist schier unglaublich! Wegen der sitzenden Haltung, die „korrekt“ ausgeführt wird, wie Du in Deiner Frage gesagt hast, existieren wir noch in derselben Art und Weise wie früher.

 

Ohne das Strecken der Wirbelsäule, das Hinunterdrücken des Zwerchfells und das Vorbeiziehen lassen der Gedanken, wie es im Detail während der Kusen beschrieben wird, und ohne dass jeder einzelne von uns diesen Instruktionen korrekt folgte und doch gleichzeitig auf die ihm eigene Art und Weise säße, würden wir heute nicht existieren. Wir wären schon lange ausgestorben.

 

Wie die Sozan-Linie, die nach und nach von der korrekt weitergegebenen Haltung wegbrach, als Sozan (gest. 901) und seine Schüler begannen, mehr Nachdruck auf das „Gehirn“ zu legen als auf den in Zazen sitzenden menschlichen Körper. Und so starb ihre Linie, obwohl sie zu ihrer Zeit sehr in Mode war, in wenigen hundert Jahren aus.

 

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Die Schmalheit der Praxis — eine Haltung, eine Atmung, ein Geist — hält nicht nur Zen heute am Leben, sondern ist auch für seine große Tiefe verantwortlich. Es ist wie beim Bohren nach Öl: je tiefer man bohrt, desto mehr findet man. Oder als wenn man mit einer Akupunkturnadel immer in denselben Punkt sticht, dasselbe Ego, dieselbe Unwissenheit. Am Ende, am Ende der Nadel, liegt alles, die ganze Welt.

 

Und was ist mit den Behinderten?

 

Und was ist mit den Behinderten? fragst Du. Auf dem Großen Weg gibt es weder Behinderte noch Behinderungen. Da ist nur der normale Zustand von Körper und Geist. Deswegen ist da absolut kein Unterschied zwischen jemandem der bucklig dasitzt, die Knie in der Luft, das Kinn rausgestreckt und so weiter, und einem der aufrecht sitzt wie ein Zinnsoldat. Auch wenn jemand im gaitan auf einem Stuhl sitzt, oder sein oder ihr Rücken auf dem Tatami ruhen läßt… In einem Dojo, in dem am Ende nur das große Erwachen praktiziert wird, gibt es keine Unterschiede.

 

Ein Universitätsprofessor und Meditationsspezialist, Dr. Jacques Vigne, beobachtete in seiner Studie über die heilsamen Folgen von Meditation, dass die „Qualität“ der Meditation von jemandem die Qualität seiner Haltung widerspiegelt. Fast alle, die Meditation praktizieren, wissen das. Der Professor schrieb seine Studie über die Meditationshaltung nicht für Leute, die sie schon praktizieren, sondern für seine Forschungskollegen und Spezialisten dieses Themas.

 

Auf jeden Fall: was er sagt, ist wahr. Qualität/Meditation spiegelt sicherlich Qualität/Haltung wider. Aber das heißt nicht, dass Qualität/Haltung wiederum Qualität/Meditation reflektiert. Das ist in der Tat unmöglich. Warum? Weil der Geist in Meditation Nicht-Geist ist (mushin), und Nicht-Geist kann nicht reflektieren.

 

Die Haltung ist nicht etwas, auf das man von außen schaut, noch ist es etwas, dass man aus einem Ratgeber-Buch lernt (obwohl manchmal ihre Beschreibung in einem erscheint). Sie ist etwas, das man von innen betrachtet.

 

Gibt es schlussendlich eine korrekte Haltung?

 

So kann man mit vollem Recht fragen: Gibt es schlussendlich eine korrekte Haltung? Gibt es eine unkorrekte? Nein, ich glaube, das gibt es nicht. Die einzige korrekte Haltung ist, wie ich es sehe, die eigene Haltung, die korrigiert. Es geht also nicht darum, die Haltung zu korrigieren, es geht darum, von der Haltung korrigiert zu werden. Es gibt da keinen Widerspruch.

 

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Dieser Text erschien ursprünglich (auf Englisch) in der Herbstausgabe 2007 von „Zen News“. Es wurde übersetzt und hier eingestellt mit der freundlichen Erlaubnis unserer Freunde von der IZAUK.


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