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Zen lesen: Was und wie

von Philippe Coupey

 

Ihr seid auf dem Weg, und es ist wichtig, sich mit ihm zu beschäftigen.
Alle Pfade sind schließlich derselbe, doch es ist wichtig zu verstehen, was ihr praktiziert: diesen Weg, Zen, und die dazugehörende Unterweisung. Es ist notwendig, sich mit dieser Traditionslinie zu beschäftigen, zu der viele große Meister gehören: Sosan, Sekito, Dogen, Daichi, Menzan, Kodo Sawaki, Deshimaru... Da wir zur direkten Linie von Bodhidharma gehören, sollten wir uns mit dieser Tradition beschäftigen — mit der Sichtweise eures Meisters studieren und des Meisters eures Meisters und so weiter zurück bis zu Bodhidharma.

 

Wie Daichi in einem seiner Gedichte sagt, kann jedes Wort heilen. Aber es kommt darauf an, wie ihr lest. Wenn ihr Zen-Texte und Kusen schnell lest, nur um sie innerhalb einer absehbaren Zeit abzuhacken, ist dies überhaupt nicht effektiv. Es kommt auch darauf an, was ihr lest.

 

Wenn ihr die wesentlichen Zen-Texte lest, könnt (und sollt) ihr euch unbewusst viel Zeit für sie — für jedes Wort — nehmen. Wenn ihr Texte über Buddhismus im Allgemeinen lest — wie z.B. wissenschaftliche Schriften über den Mahayana oder den Hinayana-Buddhismus — nur um Kenntnisse darüber zu gewinnen, könnt ihr euch durchaus nur ein paar Sekunden Zeit für jedes Wort nehmen. Meister Deshimaru sagte:

 

Wenn ihr die Kommentare über die Urtexte des Zen nicht begreift und lediglich andere Mahayana-Sutras lest, werdet ihr das wahre Zen nicht verstehen.

 

Die unten aufgelisteten Zen-Schriften gehen den Sutras vor. Gewiss: Die Sutras sind mehrere hundert Jahre und die Zen-Texte erst tausend Jahre nach Buddhas Tod geschrieben worden. Aber die Sutras folgen der Erweckung Buddhas, während die Zen-Texte Buddhas Erweckung sind. Wir lesen die Sutras mit unserem Vorderhirn, um sie zu verstehen. Zen-Texte müssen mit dem Bauch verstanden werden — hier und jetzt, nicht anders als Buddha unter dem Bodhi-Baum, diesselbe Zeit und derselbe Raum.

 

Es ist wesentlich, zu lesen und sich mit dem Gelesenem zu beschäftigen, nicht nur die überlieferten Zen-Schriften, sondern auch die Kommentare von Meistern aus jüngerer Zeit. In unserer Praxis ist die im Dojo erteilte, mündliche Unterweisung, das Kusen, oft der Kommentar zu einem überlieferten Zen-Text. Hört nicht nur die Kusens: beschäftigt Euch später weiter damit. So werdet ihr sie tiefer verstehen.

 

Sich damit zu beschäftigen heißt nicht, ein Buch zu kaufen und es von der ersten bis zur letzten Seite durchzulesen. Sich damit zu beschäftigen heißt für mich, die Buddha-Natur oder — besser gesagt — die ursprüngliche Natur durch Wiederholung zu verstehen. Bei der Lektüre des Shobogenzo habe ich Dogens Wiederholungen wieder und wieder gelesen und schließlich habe ich es verstanden.

 

Was habe ich verstanden? Meister Dogens Ausdrucksmittel. Durch die Wiederholung ist diese Kosmologie, diese Redeweise und diese Sicht in mich eingedrungen. Die Wiederholung des selben Gegenstands ist wichtig, das wiederholte Lesen. Lest beispielsweise die erste Seite von Dogens Genjokoan so oft, bis ihr sie wirklich gut verstanden habt. Dann werdet ihr die ganze Unterweisung verstehen.

 

[Ein altes Foto des jungen Philippe Coupeys, im Bett lesend, Zentempel La Gendronnière, 1980]

Der beste Weg, sich diesen Texten anzunähern, ist ein wenig darin zu lesen, Zazen zu machen, weiter darin zu lesen oder noch einmal zu lesen, was ihr vor dem Sitzen gelesen habt. Versucht nicht zu verstehen. Diese Schriften dringen nicht durch den Kopf ein, sondern durch die Poren.

 

Und schließlich achtet darauf, dies nicht für euch selbst zu tun. Am Anfang beschäftigt man sich selbstverständlich damit, um alles für sich selbst zu verstehen. Aber später passiert etwas: Ihr beschäftigt euch damit, um es zu erklären und weiterzugeben. Gäbe es niemanden mehr auf der Welt, gäbe es auch keinen Grund, über Buddhismus zu lesen. Es ist eine menschliche Angelegenheit, eine Frage von gegenseitiger Abhängigkeit.

 



 
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